Nachhaltige Energie für Werften: Landwirt Henning Kruse baut riesigen Agri-PV-Park in Lemwerder (2024)

Photovoltaik und Landwirtschaft unter einem Hut: Henning Kruse baut in Lemwerder aktuell den größten Agri-PV-Park Deutschlands und will schon im Herbst zwölf Megawatt Solarstrom erzeugen (abofrei).

Lemwerder - Im Süden der Wesermarsch, in Sichtweite zu Bremen, schafft Henning Kruse dieser Tage Tatsachen: Während vielerorts aktuell Freiflächen-Photovoltaik sowie Agri-PV – bei der die Fläche weiter landwirtschaftlich genutzt wird – auf den Planungstischen liegen, rollen auf seinem Land direkt neben der Motzener Straße bereits die Baufahrzeuge. In spätestens vier Wochen sollen nämlich Solarmodule installiert werden, auf insgesamt 18 Hektar – rund zwölf Megawatt Strom sollen hier ab Herbst in Butzhausen erzeugt werden. Die Weiden, auf denen das passiert, sind aber nicht irgendwelche: „Das sind meine besten Flächen“, betonte Kruse, der insgesamt 200 Hektar bewirtschaftet und rund 300 Kühe hält, gegenüber der Redaktion. Denn er ist fest überzeugt, dass Agri-PV eine wirtschaftlich interessante Lösung ist, mit der sich Bauern als Energieerzeuger ein zweites Standbein aufbauen können. „Die Sonne schreibt keine Rechnung, die Anlagen laufen wartungsarm nebenher,“ sagte er. Der Bau selbst kostet allerdings: Das Projekt von Kruse ist aktuell mit rund zehn Millionen Euro beziffert.

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So fing alles an: Eine händische Skizze von Kruse, wie die geschrägten Solarmodule später aussehen sollen. Viele Details und Maße haben sich bis heute verändert, das Grundprinzip ist aber geblieben. Bild: Arne Haschen

Welche Investoren sitzen dabei mit im Boot?

„Gar keine“, sagte Kruse, der das Projekt allein zusammen mit seiner Raiffeisenbank stemmt – wofür auch Überzeugungsarbeit nötig war. „Es war sicherlich hilfreich, dass ich schon mehrere Solaranlagen in früheren Jahren installiert habe und dabei immer alles gepasst hat, trotzdem musste ich ein Konzept schreiben und Werbung für meine Sache machen.“ Denn Investoren, so Kruses Erfahrung, wollen den maximalen Ertrag pro Quadratmeter erziehen und achten dabei auch mehr auf die sogenannte Peak-Leistung zur Mittagszeit als über eine auf den Tag verteilte Leistungskurve der Anlage. Ihm sei aber an einem ganzheitlichen Ansatz gelegen, bei der die Fläche auch noch für die Futtererzeugung dienen kann – sprich, Abstände zwischen den Modulen bleiben.

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Warum gleich 18 Hektar – ist das nicht riskant?

Hier spielen wirtschaftliche Zwänge eine Rolle, erklärte der Landwirt, denn den notwendigen Netzanschluss hätte er mit weniger Hektar wohl kaum erhalten. Und trotzdem muss er aus eigener Tasche drauflegen: „Der Netzbetreiber hat mir gesagt, er könne einen Anschluss in 72 Wochen realisieren“, so Kruse – der nun für eine Dreiviertelmillion Euro eine eigene Leitung über zwei Kilometer in Richtung Weser legen lässt. Denn dort sitzen die potenziellen Abnehmer für seinen Solarstrom: Werften wie Fassmer, Abeking & Rasmussen oder Lürssen, die per Gesetz zu grünem Strom gezwungen sind. Direktvermarktung ist laut Kruse auch interessanter als Einspeisung ins Netz, mit der er nur seine laufenden Kosten decken könnte.

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Auf dem Dach seines größten Stalls hat Kruse vor zwölf Jahren Photovoltaik mit einer Leistung von knapp einem Megawatt installiert – und ist seitdem von dem Thema Solar begeistert. Bild: Arne Haschen

Wie gut sind die Weiden dann noch nutzbar?

Die Anlagen, die demnächst in Butzhausen gebaut werden, sind schräggestellte Paneele, die auf Ständern stehen – sodass man noch mit einem Trecker zwischen den Reihen arbeiten kann. Das, so Kruse, halte nicht nur die Flächenversiegelung minimal: „Ich gehe davon aus, dass der Ertrag pro Hektar sogar steigen könnte, weil wir zuletzt oft so viel Sonne hatten, dass mir das Gras stellenweise kaputtgegangen ist.“ Die Solarmodule würden jetzt für einen über den Tag verteilten Rhythmus sorgen, sodass Wind, Wasser und Licht gemäßigt auf den Boden gelangen – und künftige Ernten positiv ausfallen könnten. „Ich sage deshalb, wir Landwirte sind nicht ein Klimaproblem, wir sind eine Klimalösung“, gab sich Kruse selbstbewusst.

Wäre Freiflächen-Photovoltaik nicht ergiebiger gewesen?

Die Anzahl der Solarmodule wäre dann zwar größer, aber: „Das Land darunter ist dann quasi tot“, sagte Kruse. Und für ihn wäre das nicht nur aus landwirtschaftlicher Sichtweise undenkbar, sondern auch beim Gedanken an die nächste Generation. „Steuerlich ist Freiflächen-Photovoltaik eine Katastrophe, weil das als Industrieland gilt und anders als Weiden nicht einfach vererbt werden kann.“ Im schlechtesten Fall müssten künftige Junglandwirte Hunderttausende Euro ans Finanzamt zahlen, wenn es zu einem Besitzwechsel kommt – und das, so glaubt, Kruse, sei nicht allen in der Agrarbranche bewusst. „Es herrscht gerade eine richtige Goldgräberstimmung, viele haben die Hand auf und sehen nur Geld. Man muss genau überlegen, was man tut.“

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Kruse betreibt bereits mehrere Photovoltaik- sowie eine Biogas-Anlage, in der die Gülle seiner rund 300 Rinder verarbeitet wird. Bild: Arne Haschen

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Wie witterungsbeständig ist der Agri-PV-Park?

„Anlagen, die wie ein Zaun angelegt sind, sind windanfällig, das merkt man in der Wesermarsch deutlich“, sagte Kruse. Sein Ständerkonzept würde aber garantieren, dass Wind über und unter der Fläche durchwehen kann. Auch Feuchtigkeit im Boden sei kein Problem, da auf Fundamente verzichtet wird. „Die Gräben rund um mein Land liegen auf Höhe Normalnull, hier ist es immer nass. Im Winter kann man hier nicht mit einem Trecker durchfahren“, so der Landwirt. Die Lehmschicht im Boden würde aber einen festen Stand der mehrere Meter tiefen Ständer garantieren – sodass die Anlagen nicht versacken und bei Bedarf auch relativ einfach entfernt werden kann.

Wieso ist dieses Projekt schon so weit fortgeschritten?

„Ich plane das schon seit zwei Jahren und habe viele Klinken geputzt“, berichtete Kruse. Von der örtlichen Politik habe er dabei grundsätzlich viel Unterstützung erfahren – in der jüngsten Gemeinderatssitzung in Lemwerder ist der Bebauungsplan für sein Vorhaben einstimmig abgenickt worden –, trotzdem musste er unzählige Gespräche führen, Gutachten erstellen lassen und Formulare ausfüllen. „Auch unter Landwirten ist das Thema umstritten. Als ich anfing, von meiner Idee zu erzählen, bin ich ausgelacht worden“, blickte Kruse zurück. Er habe aber schon immer seinen eigenen Kopf gehabt und war es gewohnt, sich durchsetzen zu müssen. Vielleicht ist er deshalb jetzt derjenige, der den bundesweit ersten großen Agri-PV-Park baut.

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